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ROLF HEGETUSCH

DRAUSSEN VOR DER TÜR

Anmerkungen zum Werk von Rolf Hegetusch

Prof. Dr.Helge Bathelt, M.A.

 

Einem Trend gefällig zu werden hat in der bildenden Kunst angelegentlich auch Künstler befallen, denen es an Substanz keinesfalls fehlte. Ein schönes Beispiel böte der sog. "Salonkubismus" mit Fernand Léger an seiner Spitze. Heute könnte von einer "Salonabstraktion" geschrieben werden, gäbe es denn den Salon noch und empfänden wir sein Verschwinden inzwischen nicht als einen Verlust. Oberfläche inszeniert sich heute anders, gesteigert, müheloser, will nicht einmal mehr etwas vorgeben, nur noch inszenieren und kaschieren. Das eben geschieht im cleanen Ambiente, das Fehlgriffe ebenso ausschliesst wie Persönlichkeit. Dennoch braucht die haute volée auch heute noch ein Dekor und findet es - natürlich - massenweise in Derivaten 1) konstruktiv oder konkret angehauchter Kunst mit gelegentlichen Anleihen bei den Seriellen. Gegenüber dem bildnerischen Produkt selbst bedarf es dann beim Konsumenten einer Unterscheidungsfähigkeit zwischen Elaborat und Werk, zwischen dumpfen Dekor und gestalterischer Ambition, zwischen Schein und Sein.

Rolf Hegetuschs Werk ist ein Paradebeispiel, um daran solche Unterscheidungen fest zu machen. Vordergründig beweisen sich bei ihm Werk, Ambition und Sein aus der Kontinuität seines Schaffens als eine andauernde Hinwendung zur Farbe, zu ihrem Spiel im Licht, zu einem Kosmos an Feinheiten von Verläufen und - gerade auch in jüngst entstandenen Arbeiten - in Bildfolgen, in denen die Sensibilität des Künstlers für Farben unwiderlegbar ausgewiesen wird.

Der Formverlust, der mit der Flucht aus der Lokalfarbe begonnen hatte, im abstrakt - expressiven Ausdruck dominierte und sich im nachmalerisch Abstrakten vollendet hatte, ist im bildnerischen Schock vor dem Nichts zurückgewichen und hat sich auf Grundlagen seines Selbst besonnen, ist dann entweder in eine mediale Vielfalt ausgewichen oder traditionalistisch der Leinwand treu geblieben.

Rolf Hegetusch ist einer der Treuen wie auch Richter oder Arnulf Rainer, die das Unausschöpfliche der Malerei wissen und es völlig überzeugend ausleben.

Hegetusch ist dabei kein Epigone beispielsweise Rothkos oder Quintes, denen es um die Transzendierung der Raumgrenze "Wand" bzw. um eine - unberührbar!- haptische Qualiät des Farbauftrags ging. Hegetusch hat ein meditatives Verhältnis zur Farbe, steht in einem fortwährenden Dialog mit ihr, erforscht ihre Unerschöpflichkeit indem er seine Bilder zu Fenstern macht, durch die hindurch wir der Farbe in ihrem augenblicklichen und deshalb höchst fragilen Zustand begegnen dürfen. Draussen vor der Tür unserer Alltagswahrnehmung erleben wir durch das Medium „Hegetusch“, was uns Farbe sagen kann, was sie an Feinheit und Differenziertheit allem plakativ groben Auftritt entgegen zu setzen imstande ist. Eben dies ist eine der wichtigsten Aufgaben für die bildenden Künste in unserer Gegenwart mit all ihren Substanzverlusten, wenn wir sie denn mit Erwartungen überhaupt behelligen dürfen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In seiner Bilderfolge „am Flußufer“ (5 x 60 x 40 cm, 2012) bekennt sich Hegetusch zum Herkommen seiner Kunst aus der Natur.2) Den simplen Nachvollzug des nachgerade endlos repetierten gegenständlichen Bildes erkennt er für sich als nicht mehr möglich 3) und reduziert stattdessen extrem, indem er am Flussufer die Farben aufsucht und sie „gereinigt“ nebeneinander stellt. So entsteht ein analytisches Konstrukt des Tatsächlichen in einer die Sinne schärfenden und bei Hegetusch stets differenzierten Farbigkeit, die in ihren Fassungen einen malerisch - transparenten Ausdruck nicht nur zulässt, sondern als bedeutsam hervorkehrt und die Bewahrung eines Natürlichen ermöglicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In der Arbeit „Frühling“ (80 x 80 cm, 2013) bietet Hegetusch eine Kultur von Farbübergängen, die der Rothkos oder Quintes in nichts nachsteht aber (s.o.) eine abweichende Ambition verfolgt, weil Hegetusch auch hier nahe an der Natur bleibt und sie einem Aneignungsprozess unterwirft, der auf das Entscheidende einer geistig - seelischen Impression von Frühling zielt. Ein frühes Grün, das Leuchten wieder beginnender Farbigkeit wird nicht erzählt, sondern erfasst und in einer lebendigen Stille auf der Malfläche ausgebreitet, die charakteristisch für diesen Künstler ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hegetuschs malerische Kompetenz im Dialog mit der Natur wird von ihm in Arbeiten ausgelebt, die Drucke und Malerei auf Reispapier auf Leinwand sind. Hier weicht er in der Behandlung des Tiefenraumes von der seit seinen Paraffinarbeiten 4) gültigen Linie einer scheinbaren Lichtdurchlässigkeit ab und lässt Eindrücke von Spiegelungen und von Raumordnungen zu, die durch Hervorhebungen von Flächenkompartimenten perspektivische Anmutungen ergeben und mit der Natur eine engere Allianz eingehen.

 

Hegetusch Kunst ist konsequent, sie ist konzentriert, nie vorschnell oder gar hastig, auf keinen Fall bloß dekorativ und sie ist auf eine höchst sublime Art und Weise immer auch einem Naturschönen verpflichtet. Hegetuschs Werk ist werthaltig.

 

1) Diesen Begriff haben erst jüngst die Banken für seltsame Produkte reklamiert! Es gibt ihn auch anders.

2) "Dann wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie ...", Albrecht Dürer, Proportionslehre, 1528

3) Was nicht meint, dass „Landschaft“ als Sujet unmöglich wäre. vgl.: Janssen, Horst und Dierk ( Hrsg.) Lemcke: Horst Janssen Landschaften 1942 - 1989, Hamburg, 1993.

4) Seine Form von Lasur! Arbeiten 1997 - 2003